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Yoga und Religion — Nicht das gleiche, aber passt!

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Christen, Yoga und der Heilige Geist

dürfen Christen überhaupt Yoga machen?

Für manche Menschen scheint Yoga so etwas wie eine Religion. Zum Beispiel für diese eine Freundin meiner Mutter. Sie ist um die 70, groß und schmal, singt zweiten Sopran im Gospelchor und hat vor bestimmt 15 Jahren mit Yoga aufge­hört. Nicht, weil sie zu alt dafür war und auch nicht, weil es ihr nicht mehr gefiel. Das Aufhören hat sie nämlich furchtbar unglücklich gemacht und sie hat Yoga schreck­lich vermisst. Der Grund war, dass sie meinte, Yoga würde sich mit einem Leben als Christin nicht vereinbaren lassen.

 

Lässt sich darauf eine Antwort finden?

Meine Mutter singt auch im Gospelchor (Sopran allerdings) und ist aktiv in der Gemeinde. Diese Geschichte hat sie sehr betroffen gemacht. Unsere Unterhaltung über dieses Thema ist etwa 15 Jahre her. (Damals habe ich im Gospelchor Alt gesungen.) Sie hat auch mich nie losgelassen. Für mich ist klar, dass ich als evangelische Religions-, Yoga-Lehrerin und passionierte Yogini mittlerweile eine Antwort darauf finden müsste. Zumindest aber brauche ich eine Erklärung dafür, warum das eigentlich alles sehr wohl zusammen passt! 

Ich habe sie gefunden.

 

Wo ist das problem?

Ich habe mich damals mit meiner Mutter und heute für mich selbst gefragt, wovor ihre Freundin Angst hatte. Damals war unsere Erklärung mangels Wissen etwas diffus. Heute kam ich zu dem Schluss, dass es vermutlich die Annahme war, dass jemand, der Yoga macht, zwangsläufig beim Hinduismus landen muss. Und er müsste dann vermutlich einen Großteil seiner Spiri­tualität diesem Glauben widmen. Das war für die Freundin als gläubige und praktizierende Christin natürlich unvorstellbar. Somit bestand im Umkehrschluss die Notwendigkeit, dem Yoga zu entsagen. Auch wenn das unüblich klingt, bin ich mir sicher, dass es für sie genau so gewesen sein muss: Einer „Sünde“ entsagen, sich wieder auf den rechten Weg begeben – so ähnlich wird sie sich gefühlt haben.

 

Was würde eine Yogalehrerin dazu sagen?

Ich habe mich außerdem gefragt, ob sie darüber wohl jemals mit einer Yogalehrerin ge­sprochen hat und was diese dazu gesagt haben könnte. Schlussendlich war für mich klar, dass sie diese Entscheidung ganz mit sich alleine getroffen haben musste. Denn jede und jeder Lehrende des Yoga hätte ihr ihre Befürchtung sofort zerstreut!

Man hätte oben genannte Frage, ob man mit Yoga letztlich Hindu würde, einfach beantworten können: „Kei­neswegs — es sei denn jemand ist Hindu und will ein innigeres Verhältnis zu seiner Religi­on entwickeln.“1 Die Freundin hatte nicht das Glück, zu dieser inneren Haltung Zugang zu erhal­ten. Sie empfand Yoga und die darin tatsächlich immer wieder auftauchende hinduistische Tradition als unvereinbar mit ihrer Haltung und Lebensführung als Christin.

 

Yoga ist keine Religion

Auch ich habe bereits Gespräche mit ver­gleichbaren Fragestellungen geführt. Bisher ging es eher in die Richtung, ob es mich nicht irritieren würde, bestimmte spirituelle Inhalte in Yogaklassen transportieren zu müssen. Man fragte, ob das als Yogalehrerin erwartet würde und wie ich damit umgehen wollte. Es erstaunt viele, wenn ich sage, dass ich mich in den vielen Yogastunden, in denen ich praktizieren durfte, niemals fehl am Platze gefühlt hätte. Und niemals dachte ich: „Die Botschaft ist ver­kehrt!“ Ganz im Gegenteil – die Erfahrung entspricht einem Satz aus Krishnamacharyas Buch, das dort zitiertes Wort von Krishna trifft es sehr gut. Es geht dort um die „Erkennt­nis, dass >der Gott in ihm [in Arjuna, Anm. d. Verf.] identisch ist mit dem Gott in allem, das existiert<.“2 Genau das ist es. Gott ist in allem. Ganz simpel. Somit ist die Sache für mich einfach und universell.

 

Yoga transportiert universelle Wahrheiten

Mei­ne Freundin, eine gläubige Muslima, bestärkte mich: Es geht im Yoga um keinen Gott be­stimmter Eigenschaften, um keinen Namen, der zu nennen ist oder nicht genannt werden darf. Es geht um keine Verehrung im engen Sinne. Es geht um eine der vielen im Yoga möglichen Verbindungen, nämlich die mit „einer höheren spirituellen Einheit außerhalb un­serer selbst“. Das kann Gott sein, das kann eine bessere Version unseres Selbst sein. Das kann un­ser „höheres Selbst“, wo auch immer wir es vermuten, sein. Und es kann das Große Ganze sein, wenn uns kein Zugang zu anderen Ideen möglich ist.

 

Die Verbindung zum Göttlichen in der Form, der man sich am nächsten fühlt

Jede dieser Ver­bindungen „nach oben“ ermöglicht uns Gefühle wie Dankbarkeit und Hoffnung. Sie ermöglicht uns Gebete im engeren und im weiteren Sinne. Sie haben durch alles Positive, was sie uns spüren lassen, eine heilende Wirkung auf unseren Körper, unse­re Seele (wenn wir da eine vermuten) und unseren Geist.

Wenn wir uns derart verbinden können, steht uns eine Heilkraft zur Verfügung, die medizinisch und psychologisch nicht zu erklären ist. Sie lässt uns letztendlich im christlichen Kontext eine Seite des Heiligen Geistes spüren. Wir gewinnen so einen kleinen Einblick in das, was Jesus an Heilung vollbrin­gen konnte.

Es erstaunt mich selbst gerade die Wortgleichheit in „Heilig“ und „Heilung“. Auch „hat im Englischen das Wort für ganz, >whole<, und das Wort für heilen, >heal<, dieselbe germanische Wurzel – ein erneuter Fingerzeig aus der Vergangenheit.“3

 

Gemeinschaft ist das Ziel

So viele Dinge, die wir in der christlichen Kirche als Gemeinschaft fördernd und Gemein­samkeiten schaffend erleben, tauchen im Yoga wieder auf. Man nimmt gemeinsame innere und äußere Haltungen ein, kommt gemeinsam in die Stille oder singt. Jedoch steht dies nie­mals in Konkurrenz mit den inneren Haltungen und individuellen Voraussetzungen der Praktizierenden. Ganz im Gegenteil ist die Individualität, die Krishnamacharya betont, nicht nur auf körperlicher Ebene wichtig. Es spielen auch geistige und Glaubens-Voraussetzungen eine Rolle, so dass jede und jeder auf dem eigenen Weg bestärkt wird.

 

Gemeinsames Sprechen oder Singen schafft Verbindung

Meine Freundin, die Muslima, sprach im Zusammenhang mit ihren Yoga-Erfahrungen sehr wenig begeistert über das gemeinsame Singen und Rezitieren. In einem von ihr besuchten Yoga-Kurs habe sie das erlebt und „da war es aus mit Yoga“. Sicherlich liegt es nicht jedem, vedische Ver­se oder Sutren aufzusagen oder gar zu singen. Dennoch wird bei Gläubigen aller Rich­tungen und auch in anderen Gruppen das gemeinsame Spre­chen oder Singen von Texten zur Schaffung von Gemeinschaft und zur Verbindung mit dem gemeinsamen Ideal genutzt. 

 

Uralte Worte verbinden uns mit etwas Höherem

Dabei spielt es eine wichtige Rolle, dass diese Worte alte Worte sind und wir eine Tradition fortsetzen. Wir wissen, dass damit eine positive Grund­haltung, ein Guter Geist in uns fortbesteht. Auch Krishnamacharya sieht in der Rezitation nicht nur etwas Heilendes, sondern betont den „spirituellen Kontakt mit etwas Uraltem, etwas Heiligem“.4 Das ist sowohl uns Christen zueigen, wenn wir beten, „wie Christus es uns gelehrt hat“. So etwas tun auch Muslime, wenn sie im Freitags­gebet die immer gleichen Worte und Gebete wiederholen. Und so ist es auch, wenn dies Yogi/ni/s tun, die Mantren singen oder eine Invocation. Das zeigt, dass sie ihre Gedanken ver­binden wollen, Gemeinsames schaffen wollen, eine Ebene finden wollen, auf der sie sich alle treffen können. Sie verbinden sich im Sinne einer guten Sache, die in jedem Einzelnen ihren Anfang findet. Und sie soll außerhalb dieser Individuen zu hören, zu spüren, zu erleben sein.

 

Alles ist irgendwie Heiliger Geist

Wenn ich die Freundin meiner Mutter heute sehen würde und wir zufällig auf dieses Yoga-Thema kämen, würde ich ihr all das sagen. Ich würde ihr erzählen, dass die „Verehrung des Göttlichen in der Form, der man sich am nächsten fühlt“, Ishvara-Pranidhana, ein wichtiges Prinzip der Niyamas ist. Das sind im Yoga die Arten der Inneren Einstellung und des Umgangs mit sich selbst. Für alle ist es ein gutes Gefühl, wenn man sich hin und wieder einer guten, größeren Sache überlassen darf, die man mit anderen teilt. Ich könnte ihr dann das Buch über Krishnamacharya in die Hand drücken mit den Worten: „Lies das, mach wieder Yoga, und geh in die Kirche. Das passt alles perfekt zusammen, das ist alles irgendwie Heiliger Geist. Und der ist super.“

1Desikachar, T. K. V.: Yoga. Heilung von Körper und Geist jenseits des Bekannten. Leben und Lehren Krishnamacha­ryas. Bielefeld, 2012. S. 26.

2ders., S. 22.

3ders., S. 23.

4ders., S. 25.

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