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Vom Niederwerfen — die Hingabe an den Moment

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Niederwerfen — Warum?

Dass sich Menschen vor irgendetwas niederwerfen, liegt bestimmt tief in der Annahme begründet, dass dieses andere größer ist als man selbst. Sich zu beugen oder auf den Boden zu werfen vor etwas oder jemandem ist eine Geste der tiefen Ehrfurcht, des Respekts, vielleicht auch der Angst, aber jedenfalls immer eine der eigenen Erniedrigung. Warum will man das tun? Warum will man sich selbst gering darstellen? Welche Idee steckt dahinter? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und was ist daran gut?

 

Niederwerfen macht den anderen groẞ

Ich habe schon unzählige Male erlebt, dass das Sich-selbst-klein-Machen eine ganz wunderbare Wirkung auf mein Gegenüber hat: In der Grundschule ist es selbstverständlich, dass ich in die Knie gehe, wenn ich mich mit den Kindern unterhalte. Ich mache mich selbst klein, damit die anderen sich gleich groß fühlen können, damit wir auf Augenhöhe sind. In vielen, vielen Gesprächen mit Kindern ist erst genau dann eine Öffnung entstanden. Es gab eine Erleichterung, kein betretenes Zu-Boden-Schauen. So gelang eine Unterhaltung mit Respekt von beiden Seiten. Ich hätte Macht demonstrieren können, aber ich tat es nicht. Das Kind hätte trotzig reagieren können, tat es aber nicht. Wir waren für den Moment ein bisschen gleich, auch wenn wir eigentlich ganz unterschiedlich sind.

Was so banal erscheint, hat eine tiefgreifende Wirkung auf beide Seiten: Die Kinder erleben, dass sie groß sein dürfen. Sie sind dann manchmal sogar größer als ich, wenn ich hocke und sie stehen. Und ich erfahre, dass ich, indem ich mich klein mache, dem anderen zu Größe und zu Würde verhelfe — das wiederum macht, dass ich mich danach umso besser fühle und umso aufrechter gehen kann.

 

Niederwerfen zeigt dir, wo du stehst

In anderen Zusammenhängen ist die Art und Form der Niederwerfungen ganz abhängig vom jeweiligen Ereignis. Allen diesen Ereignissen ist wohl gemein, dass der Mensch, der sich niederwirft, auf guten Willen und Gnade des Großen hofft, dem diese Geste gilt. Niemand wird sich freiwillig niederwerfen in dem Wissen, dass diese Wehrlosigkeit ausgenutzt wird. Selbst bei den Wölfen, so heißt es, ist das Zeigen der freien Kehle das Zeichen, den Kampf zu beenden und nicht zuzubeißen — in jedem Fall ist die Rangordnung somit festgelegt und respektiert.

Wer die Schwäche des anderen ausnutzt, handelt schamlos, ist gemein, rachsüchtig, überheblich, fies, unfair, hat unsere Sympathie verspielt und das Vertrauen missbraucht. Für solches Verhalten gibt es keine Begründung, die uns im Herzen das tiefe Gefühl hinterlässt, es wäre alles in Ordnung. Wir können so etwas nur im Kopf und anhand von Argumenten begreifen. Und es bleibt für lange Zeit, wenn nicht für immer, die Frage, ob das wirklich hätte sein müssen.

Wer dann aber tatsächlich nicht zubeißt oder zuschlägt, sondern die Entschuldigung, die Reue, die Geste der Niederwerfung annimmt, zeigt die Größe, die der andere in ihm vermutet. Wer wahre Größe zeigen kann und nichts zu verlieren hat, neigt sich dann vielleicht sogar dem anderen zu. Wem kein Zacken aus der Krone bricht, der hilft dem anderen auf, begibt sich an dessen Stelle, reicht die Hand, verzeiht. In Filmen ein Anlass für große Emotionen auf und vor der Leinwand, Taschentuchmoment, Heldenmusik …

 

Niederwerfen in der Yogapraxis

Wer sich niederwirft, ist unterlegen. Wer vorne oder oben steht, ist überlegen. Ohne Wertung, nur im reinen Sinn des Wortes. Warum will ich in der Yogapraxis so eine Teilung freiwillig schaffen? Und vor wem oder was werfe ich mich dann eigentlich nieder?

Ich neige meinen Kopf in jeder Yogastunde mehrmals. Ich neige ihn am Anfang „vor mir selbst“ in Respekt vor mir, meinem Körper und der Yogapraxis des Tages. Was auch immer ich mit mir in diesem Moment erlebe und erkenne, respektiere ich: meine Grenzen, meine Erfahrungen, das Geschenk einer Asana, die ich zum ersten Mal zu praktizieren in der Lage bin. Ich erkenne mich an in meiner Vielgestaltigkeit, meinen unterschiedlichen Ebenen, dem Körper, der Seele, dem Geist. Und irgendwo verwoben in allem, erkenne ich immer wieder das, was das SELBST ist, der „göttliche Funke“, der mich mit allem um mich herum verbindet.

Und dann, am Ende, verneige ich mich, verbunden mit meinem Herzen, vor meiner Klasse oder der Lehrerin, die mich unterrichtet. Namasté ist der Gruß, mit dem ich meine Achtung erweise dem Göttlichen, dem Funken in denen, die mich umgeben. Ich respektiere zutiefst die Energie, die jede einzelne Person in die Praxis eingebracht hat in jedem Moment. Und auch wenn ich die Klasse unterrichte, ist die Kraft der Yogapraxis jeder einzelnen Schülerin und jedes Schülers so enorm, dass ich nicht anders kann, als mich zutiefst zu verbeugen. Ich mache mich klein, denn die anderen sind groß.

 

Niederwerfen als Meditation

Es gibt ganze Reihen von Körperhaltungen, die z.B. als Tibetische Niederwerfungen bekannt sind. Menschen umrunden damit heilige Stätten und legen zuweilen weite Strecken auf diese Weise zurück. Sie demonstrieren damit all das, was oben schon steht: Ich bin klein, das Andere ist größer als ich, ich gewinne meine Stärke aus der Hingabe. Alles wird so kommen, wie es für mich am besten ist, und ich werde gut damit umgehen.

Im Christentum gibt es solche Bewegungsreihen zwar nicht. (Oder doch? Dann bitte ich um Korrektur!) Aber bei uns ist das Beugen des Kopfes im Gebet, das Knien in der Kirche oder sogar das Hinlegen vor dem Altar oder einem heiligen Ort ein Teil der religiösen Praxis. Wir vertrauen uns damit dem Willen Gottes an und akzeptieren diesen als Herausforderung und Aufgabe.

Wer irgend eine Form der Niederwerfung einmal praktiziert hat, kann vielleicht eine ganze Reihe von Emotionen spüren. Manchmal kommt da „etwas“ hoch, wovon man gar nicht weiß, was es ist. Manchmal gewinnt man durch das Niederwerfen eine Leichtigkeit, die daraus entsteht, dass man selbst gar nicht alles entscheiden muss und gar nicht alles entscheiden kann. Vieles kommt „genau so, wie es soll“, und so nehme ich es dann. Ich bin verwurzelt am Boden und offen für das, was von oben kommt. Allen diesen Gefühlen liegt zugrunde, dass wir unser Ego, diesen Kontrolleur in uns, der alles entscheiden will und doch so vieles gar nicht entscheiden kann, für einen Moment in die Stille verweisen. Das kann sehr befreiend sein.

 

Niederwerfen ist überall

Natürlich schmeißt sich im richtigen Leben keiner vor mir auf den Boden und ich lege mich auch vor niemandem hin. Jedenfalls nicht so ohne Weiteres. Aber ich kann mich an den Moment hingeben, ich kann mich vor den Notwendigkeiten des Jetzt beugen. Nein, ich wasche nicht gerne ab und ich finde immer eine bessere Tätigkeit als Putzen. Und das ist noch lange nicht alles, worum ich erfolgreich versuche, mich zu drücken, wenn ich die Gelegenheit habe. Aber ich habe diese Gelegenheit nicht immer. Ich finde Ordnung eigentlich auch schön und es geht einfach nicht ohne sauberes Geschirr.

Letztendlich habe ich immer die Wahl, ob ich mich gegen den Moment sträube, in dem das Unerfreuliche unumgänglich wird, oder ob ich mich quasi „niederwerfe“. Erfahrungsgemäß ist Letzteres nicht immer einfach, aber sinnvoll. Eine Arbeit zu tun und sich die ganze Zeit innerlich dagegen zu wehren, macht es unendlich schwer, zu guten Ergebnissen zu kommen! Es ist außerdem nicht gut für die „Umwelt“. Also gehe ich immer öfter mit dem, was jetzt ist, gebe mich dem hin, zeige Demut und habe das Vertrauen (und meistens sogar das Wissen), dass ich es schon überlebe. Kann man übrigens auch super bei Eckhart Tolle in seinem Buch „Jetzt!“ nachlesen …

An anderer Stelle habe ich übrigens erfahren, dass sich Niederwerfen z. B. wunderbar beim Staubwischen praktizieren lässt. Mit jedem Staubkörnchen, dass man entfernt, stellt man sich vor, einen Hauch dessen wegzuputzen, was die eigene innere Schönheit überdeckt: Stolz, Überheblichkeit, Hass, Eifersucht … Auf diese Weise ist auch Abwaschen und Unkraut jäten neben der Zufriedenheit, die es im Außen bringt, garantiert eine prima innere Reinigung!

 

Niederwerfen macht stark und mutig

Da ist so viel Yoga (und alles mögliche andere) drin: Ich bleibe im Moment, denke nicht über das nach, was ich stattdessen tun könnte, bin im Hier und Jetzt, widme liebevolle Aufmerksamkeit dem augenblicklichen Tun. Dies tue ich mit der Gewissheit, dass jedes Objekt und jeder Moment perfekt ist. Und sollte ich das gerade nicht erkennen, weiß ich doch, es bleibt nicht immer so, es geht vorbei. Niederwerfung ist nämlich nichts Exotisches, die gibt es nicht nur in Tibet oder Indien, sondern auch bei uns — und das fast jeden Tag. Wir sind uns vielleicht dessen nur nicht bewusst.

Im Yoga Sutra wird diese Erkenntnis als Isvarapranidhana bezeichnet. Mit dem Verlassen auf eine „freundliche höhere Macht außerhalb unserer selbst“ wächst die Fähigkeit in uns, alles in seiner Vollkommenheit zu akzeptieren. Und da ist noch Samtosha, die Zufriedenheit, die wächst auch, klar. Steht natürlich auch so ähnlich in der Bibel an unterschiedlichsten Stellen, ich zitiere mal zwei: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“, 1. Mose 1, 31. Oder „Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“, 1. Petrusbrief 4, 10. Klingt super, oder?

Manchmal reicht schon das „Na gut …!“, mit dem wir uns nach dem Vorschlag eines anderen richten und unsere eigenen Gedanken zurückstellen. Wir sind dabei nicht gleichgültig oder dumm, entscheidungsunfreudig oder ideenlos. Wir sehen die Vollkommenheit im anderen nicht in Tatenlosigkeit oder Starre, sondern in Demut. Verbunden mit der Idee, aus allem, was kommt, das Beste zu machen, gibt das Mut, Stärke, Kraft und Zuversicht. Toll oder?

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