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Aparigraha — Vom Nutzen davon, nicht ganz dicht zu sein …

 trikonasana dreieck

Aparigraha — Durchlässigkeit

bist du nicht ganz dicht?

Im Sommer sind die Vorhänge täglich halb geschlossen. Die Räume sind abgedunkelt und man möchte nicht allzu viel von der Hitze der Sommertage ins Haus lassen. Da kam mir eine Redewendung in den Sinn: „Sag mal, bist du eigentlich nicht ganz dicht?“ Dazu fiel mir dann gleich ein bisschen mehr ein.

 

dicht sein und festhalten bringt ordnung

Wenn die Flasche nicht ganz dicht ist, läuft sie aus. Wenn die Gläser nicht ganz dicht sind, wird der Inhalt schlecht. Wenn die Leitungen nicht ganz dicht sind, kommen Dinge da hin, wo sie nicht hingehören. Also schrauben wir zu und dichten wir ab. So soll es sein: Alles bleibt da, wo man es gerne hätte. Die Substanzen bleiben getrennt, die Flüssigkeiten schwappen in ihren zugewiesenen Bahnen und Behältern. Das gibt Ordnung in der Schultasche, erleichtert die Vorratshaltung und reduziert Wohngebäudeschäden. So weit, so gut.

 

dicht sein und festhalten verstopft

Aber was ist, wenn Menschen das so machen? Wenn ich „dicht“ bin, wenn ich „zu“ bin – das ist im Sprachgebrauch definitiv nichts Gutes. Wenn ich „völlig dicht“ bin, habe ich irgendwo übertrieben, meine Grenzen nicht beachtet. Ich bin voll mit ungesunden Substanzen, mit Stress, mit Terminen. Wenn ich „komplett zu“ bin, bin ich entweder vielleicht krank. Oder ich bin bis obenhin angefüllt mit etwas, was eigentlich dringend hinaus müsste. Wenn jemand „zu macht“, lässt dieser Mensch weder etwas herein, noch darf etwas heraus. Da passiert etwas im Inneren, und oft ist das ein beschwerlicher Prozess. Denn wenn ich dicht bin und zu mache, nehme ich mir die Möglichkeit, Dampf abzulassen, die Belastung auszugleichen. Dann staue ich auf, Emotionen, Gedanken, Gefühle, Ungesundes in jeder Form und gerate aus dem Gleichgewicht. So weit, so schlecht.

 

durchlässigkeit ist die lösung

Ich stand vor vielen Jahren während eines Nachtspazierganges mit einem sehr guten Freund viel zu dünn angezogen frierend auf einem Feld. Mein Jäckchen zog ich immer dichter um mich und versuchte damit, etwas von dem bisschen verbliebener Wärme drin zu halten. Und ich wollte den Wind aussperren. Mein Freund nahm dies wahr und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Du musst die Kälte durch dich hindurch lassen. Dann frierst du nicht.“ Ich war verblüfft. Denn das bedeutete, mich aufzurichten, mich zu entspannen, tief durchzuatmen, den Wind zu spüren, die Kälte anzunehmen und sie dann wieder gehen zu lassen. Was für eine Erfahrung, denn es hat geklappt!

 

durchlässigkeit schenkt freiheit

Hundertmal habe ich seither seinen Tipp weiter gegeben, mindestens. Und tausendmal mich selbst in Winde aller Art gestellt, sie vorne hineinblasen lassen und hinten wieder heraus. Was für eine Erleichterung!

Es klingt so einfach und ist es doch nicht: Lass es wieder fort gehen, wenn es nicht zu dir gehört. Fühle dich frei, es zurück zu geben, wenn es dich belastet. Behalte das, was dir nützt, was dich erfreut, was zu dir passt und dich deinem Ziel näher bringt. Lass alles andere durch dich hindurch.

 

durchlässigkeit in der yogapraxis

Auf die körperliche und mentale Yogapraxis übertragen finden sich immer wieder Momente, in denen wir Enge spüren, Widerwillen empfinden. Bei jeder Dehnung in eine Seite ist es wahrscheinlich, dass die andere Seite sich eng anfühlt, komprimiert oder gedrückt wird. Jede Haltung, die etwas öffnet, kann innere oder äußere Widerstände verursachen. Denken wir an Hüftöffner oder das Gefühl auf der Beinrückseite, wenn wir den „ersten herabschauenden Hund des Tages“ einnehmen. Und wie viel Kraft braucht ein Dreieck, wenn wir wirklich von der Fußsohle bis zur Schädelkrone alles beachten, was dazu gehört, diese Stellung zu halten? Wie viel Muskelkraft ist nötig, diese Asana zur äußeren Formvollendung zu bringen. Der ganze Körper kann dabei fest und angespannt werden, sogar die Kiefermuskeln, wenn wir nicht aufpassen und da loslassen, wo es möglich ist.

 

Loslassen und atmen

Also lassen wir los statt zu erstarren. Wir saugen die Energie in uns hinein, durch die Nase, durch die Fußsohlen, verteilen sie bis in die Fingerspitzen und die Haarspitzen (wenn es SEHR anstrengend ist) – und dann atmen wir alles, was wir nicht mehr brauchen, wieder hinaus. Das ZUVIEL an Anstrengung, das ZUVIEL an Festhalten, das ZUVIEL an Anspannung, das ZUVIEL an Ehrgeiz, das ZUVIEL an Wollen, das ZUVIEL an äußerlicher Perfektion.

 

Aparigraha im Yoga-Sutra

„Jemand, der sich auf das beschränken kann, was er braucht und was ihm zusteht, fühlt sich sicher. Ein solcher Mensch findet Zeit zum Nachdenken und er wird ein vollkommenes Verständnis von sich selbst gewinnen.“ So steht es im Yoga-Sutra 2.39. Wenn wir nicht dicht machen, müssen wir weniger Energie aufwenden um Dinge zu erwerben, sie instand zu halten, und alles im Kopf geistig zu verwalten, uns gegen etwas zu wehren, was wir nicht brauchen oder wollen. Wir können uns mit dem beschäftigen, was eigentlich wichtig ist. Wir gewinnen Ruhe auch in unangenehmen Situationen, denn wir halten auch Gefühle nicht mehr fest und wissen, dass alles vorbei geht.

 

Das Prinzip von Aparigraha

Dafür ist ein Sich Einlassen wichtig, ein Hereinlassen, ein Zulassen und das genaue Betrachten von dem, was ist. Denn genau so wichtig ist das Ablassen, das Hinauslassen, das Durchlassen und das Neu-Verteilen. Es lebe die Undichtigkeit! Sie ermöglicht den Ausgleich in alle Richtungen. Manchmal ist das ein Nachlassen einer Anspannung in der Asana an den Stellen, wo sie nicht gebraucht wird oder das Leiten der Energien an die Stellen, wo wir geistig oder körperlich eng zu werden drohen. Es ist genau so viel von allem, dass wir unser inneres Ziel vor Augen behalten und gleichzeitig die Kraft in uns erhalten, es langfristig weiterhin zu verfolgen.

 

Aparigraha jenseits der Yogamatte

Vielleicht ist Aparigraha hin und wieder das Nicht-Sagen eines Satzes, der niemandem etwas nützt. Oder es ist das innere Abstandnehmen von einer Belastung, die wir nicht auflösen werden. Manchmal ist es auch ein konkretes Ausmisten und Loslassen von Dingen. Was auch immer wir hereinlassen, nehmen wir uns das, was uns ausdauernder und stärker macht. Und lassen wir das gehen, was uns verhärtet, was uns unfrei macht. Übrig bleibt eine sich alles harmonisierende Bewegung im Körper und im Geist, innen und außen. Dann verschwindet überflüssiger Ballast, dann ändert sich auch mal der Freundeskreis, und dann geht tatsächlich die Kälte durch uns hindurch.

 

Nicht ganz dicht sein ist wunderbar

Wenn dich also irgendwann wieder jemand fragt, ob du nicht ganz dicht seist, dann bedanke dich für das Kompliment. Du bist durchlässig, du bist ein Mensch und kein Marmeladenglas.Und jetzt mache ich den Vorhang und die Fenster wieder auf, langsam ist es nämlich drin wärmer als draußen und das würde ich jetzt gerne ausgleichen …

There’s a crack in everything – that’s where the light gets in!

Leonard Cohen

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